Corona- was ist eine Krise und wie gehen wir damit um?

 

Was ist eine Krise? Das erleben wir gerade alle, unser alltägliches und soziales Leben ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Nichts funktioniert mehr, wie wir es kannten. Wir sorgen uns um unsere Eltern, Großeltern, bleiben zu Hause und arbeiten remote. Noch vor zwei Wochen wollte ich die aufkommende Gefahr und die massiven Umwälzungen nicht wahrhaben. „Ach, das wird schon nicht so heftig…“.

Ich beschwichtigte, wo alarmiert wurde, um mein eigenes ungutes Gefühl zu unterdrücken. Als letzte Woche in der Uni, wo ich in Teilzeit arbeite, die Mensa geschlossen wurde, war dies für mich ein erstes Signal, dass wirklich was nicht stimmte. Die Stimmung war seltsam. Ratlos, eine Unsicherheit, seltsames Schweigen begleitet von noch mehr innerer Offenheit und Zusammenhalt.

Ein paar Tage später überschlugen sich die Meldungen, Pressekonferenzen, Warnungen, Restriktionen des öffentlichen Lebens. Steigende Zahlen Erkrankter.

Bereits seit einer Woche zu Hause wegen einer starken Erkältung, verfolge ich Meldungen seitdem vom Sofa aus.

Was meine Teilzeit-Selbständigkeit angeht, ändert sich nichts. Da ich Webinare gebe oder Texte schreibe, arbeite ich eh per Videokonferenz oder am Schreibtisch. Was die Uni angeht, so haben jetzt eh die meisten Homeoffice. Schnell wurden Lösungen gefunden, wie wir auch von daheim aus miteinander kommunizieren können und alle tragen Wertvolles bei, um den Betrieb am Laufen zu halten. Dasselbe beobachte ich auch in vielen anderen Bereichen und Betrieben. Ein befreundeter Software-Entwickler aus dem Bereich der Digitalisierung erschuf aus dem Stegreif mit anderen eine repräsentative Plattform, die es Familien und Schulen ermöglicht, sich einen Überblick über digitale Lernangebote zu verschaffen, wo dies bislang undenkbar war. Hier der Link: https://ich-lerne-online.org. Eine transparente Orientierungs – und Beratungshilfe anzubieten, ist heute wichtiger denn je.

 

Wo es heißt #SocialDistancing rocken plötzlich alle emotional zusammen. Es wächst der Wunsch nach Gesprächen. Etwaige Vorurteile zerfallen bei vielen zu Staub. Und das will was heißen für eine Gesellschaft, in der Spaltung durch Ideologien, ausgrenzende Filterbubbles, Blocklisten und Hetze leider ein zunehmendes Problem darstellen. Es zeigt sich jetzt, wer menschlich denkt und handelt, wem es um die Gesellschaft, um Kontakt und breites Networking geht statt nur um die eigene Agenda. Letztere ziehen sich nun selbstmitleidig zurück und warten, dass Corona vorbeigeht- vor allem, damit ihre eigenen Themen bald wieder die Twitter-Trends dominieren und ihre Selbstdarstellung wieder Applaus bekommt. Ich hoffe, aber, dass etwas von der Offenheit und Flexibilität hängenbleibt, wenn wir das ganze hoffentlich sobald wie möglich überstanden haben.

Ich beurteile Menschen nach ihrer Persönlichkeit, nicht nach der Partei, Religion, Sportclub oder Weltanschauung. Damit biss ich oft auf Granit, aber genau diese Einstellung setzt sich jetzt durch. Das beruhigt mich ungemein in all der Unsicherheit.

Aber hier soll es eigentlich um Krise gehen, und was das überhaupt ist. Ich wusste das auch nicht, bis 2019 kam. Da ereilte mich zum ersten Mal in meinem Leben eine schwere persönliche Krise und riss mich um. Natürlich kenne ich auch schlechtere Phasen im Leben, eher gute zum Glück.

Aber eine Krise? No way. Ich doch nicht! Alles Spinnerei, Wohlstandsgefasel, Luxus. Dachte ich.

Es begann im Frühjahr 2019 mit dem Gefühl, irgendwas ist anders. Stimmungsschwankungen wildester Natur. Alles neu, alles anders, obwohl meine Welt genau die gleiche geblieben war. Ich stand teilweise mit Kopfhörern an der Straße und sang laut und happy mit. Dann wieder kam eine dunkle Wolke von Zweifeln und Depression. Mein Leben bis dahin? Ich war ehrenamtlich engagiert, arbeitete, handelte, aber je mehr ich tat, um so mehr erschien mir alles sinnlos. Hinzu kam mein großes virtuelles Netzwerk auf Twitter, das mir allein aufgrund der Followerzahl schon lange nicht mehr erlaubte, einfach wegzubleiben. Dachte ich. Ich half Netzwerken und Unternehmen, ihre Online-Präsenz zu optimieren und aufzubauen. Als Annette Creft hatte ich einige Fans, fragte mich aber zunehmend, was die eigentlich von mir wollen. Mir ging es doch nicht gut. Was sollte ich da immer mit lockeren Sprüchen glänzen? Ich bauschte den tatsächlichen Erwartungsdruck bis ins Unermessliche auf, redete mir immer noch ein, es ist alles normal und okay. Wie zuletzt bei der Corona-Krise.

Was nicht sein darf, kann auch nicht sein.

Der Zusammenbruch kam nach einem scheinbaren normalen Tag an der Uni. Mittags saß ich noch mit einer Digital-Netzwerk-Kollegin in der Mensa, wir redeten über freiberufliche Perspektiven. Ich plante und plane neben meiner festen Tätigkeit eine Ausbildung als Beraterin. Weil ich das bin. Das ist mein Wesen. Sie hatte gute Ideen und wir plauderten schön. Allein, ich hatte keinen Appetit. Mein leckeres Essen blieb unberührt. Als ich abends heimfuhr, streikte wieder die Nordwestbahn, mit der ich immer fahre, und strandete irgendwo auf dem Weg. Ich wohne ja auf dem Land, da ist Pendeln ein großes Problem. Ich musste aussteigen ohne Anschluss mitten in der Pampa und fluchte wild auf dem Bahngleis. Wie eine Irre, Leute drehten sich um.

Es ging nicht mehr. Das Fass war übergelaufen. Ich kannte mich selbst nicht mehr wieder. Ich wollte nicht mehr, gar nichts mehr. Twitter wollte ich löschen, meine Aktivitäten canceln, alle Kontakte. Alles schien bedrückend sinnlos. Mich selbst mochte ich die ganze Zeit, aber kam nicht mehr mit bei dem Leben, das ich führte, wo ich doch nie 100% ich selbst war. Es schien nie nach außen zu dringen, was ich wirklich denke.

Auf Twitter Anfeindungen, wenn ich den Mainstream in Frage stellte, aber genau das ist meine Natur. Ich kritisiere, hinterfrage, zweifle. In jeder Regierung, immer. Deshalb ging ich mit 16 zu den Jusos, als ganz Baden-Württemberg tiefschwarz kohlregiert war. Prangerte mit 19 die unfairen Methoden meines Politik-LK-Lehrers an in der Abizeitung. Ohne seinen Namen oder auch nur den Kurs konkret zu nennen. Ich recherchierte in allen Klassen, die er hatte. Das hatte System bei ihm, stellte ich fest. Es ging nicht nur gegen mich, es ging gegen alle, die er nicht mochte. Daher schrieb ich. Es wirkte ungeheuer. Man sprach dort noch Jahre später von mir.

So war ich immer und werde ich immer sein. Ich will aber immer verbessern, nie zerstören. Harmoniemensch, der ich bin, tue ich das, um Harmonie dauerhaft zu sichern. In guter Absicht – dass sich die Menschen selbst hinterfragen, in der Absicht, sich zu bessern. Dies stieß bei Twitter auf extremistische Fanatiker, die mich dann verfolgten. Ich schwamm also eher weiter im Mainstream. Brav funktionierend, selbstgewählt, aber vielleicht nicht gut genug durchdacht, was ich selber will.

Wer sind wir, wie leben wir, was ist uns wichtig? Corona legt das offen. Vielleicht das einzig Gute in dieser schlimmen Zeit.

In der Zeit meiner Krise aber passierte Ungeahntes. Als ich alles in Frage stellte, wirr um Hilfe bat, wo ich selber nicht wusste, wie die aussehen sollte, kam nicht nur mein Frauennetzwerk der Digital Media Women zu Hilfe. Ich führte tolle Telefonate, eine Freundin kam vorbei zum Essen und munterte mich auf, brachte Vorschläge und Hilfe. Es war keine Depression. Diese hatte ich zum Glück nie lange, hätte ich auch gar nicht ausgehalten. Ich wachte morgens auf und dachte: alles kacke. Unlösbare Probleme. Alles sinnlos. Das hatte es noch mit einer Depression gemeinsam, aber im Laufe des Tages kamen dann Hochgefühle, irre Ideen: Meine Freundin in Colorado machte mir einen Heiratsantrag, damit ich US-Bürgerin werden kann. In CO ist die gleichgeschlechtliche Ehe legal. Ihr Freund war auch einverstanden und wir hatten einen tollen Videochat. Ich würde mit den beiden Indianerschmuck verkaufen, die Firma seiner Mutter. Das klang irre toll, eine Ausflucht aus gefühlten Fesseln, ein neues Leben. Wieder im Bademantel auf der Veranda stehen und unsere innere Freiheit genießen wie damals, als ich sie besucht hatte. Wir sind beide nicht mal bi, aber es war erfrischend. Aber die deutsche Sozialisation trotz meiner amerikanischen Natur kam mir dann doch zugute und ich lehnte schweren Herzens ab. In Amerika bin ich immer mehr Annette als ich es in Deutschland je sein könnte. Das lockte mich. Euphorie wechselte mit Verzweiflung, nicht Depression.

Das Tolle: Bei realen Problemen konnte ich plötzlich auf mein Netzwerk zurückgreifen. Ich kontaktierte Menschen, die ich sonst nie persönlich kennengelernt hätte, und sie halfen mir.

Auch bei Corona heute funktioniert das. Leute hören mehr zu, helfen, sind sensibler. Auch live. Wo der Boden unter den Füßen schwindet, bauen Leute Rettungsboote, unkompliziert, menschlich. Hören zu, helfen, bieten Lösungen. Das beeindruckt mich.

Ich redete in meiner Krise mit irre vielen Menschen, tollen Persönlichkeiten, denen es allein um mein Wohl ging. Darunter auch Leute, mit denen ich zuvor zwecks Netzwerk eher nüchterne Gespräche geführt hatte. Und ich hatte plötzlich irren, persönlichen Redebedarf. Um mich zu ordnen, um diese Unsicherheit zu ertragen. So geht es heute vielen, die sich vom sozialen Leben abgeschnitten fühlen.

Als es mir schlecht ging und ich mich öffnete, war die hilfreiche Hand plötzlich da. Niemand verachtete mich aufgrund meiner plötzlichen Schwäche. Ich verlor kein Ansehen, wie ich sicher dachte, wenn ich auf einmal stolpere, nein, ich gewann. Respekt, Hilfe, Austausch, was ich mit letzter Kraft gesucht hatte.

Es war beeindruckend, wie sich mein Netzwerk plötzlich als Rettungsanker entpuppte.

All meine eingesetzte Energie kam zu mir von vielen Menschen zurück. Irgendwann, im Spätsommer, glätteten sich die Wellen. Ich tankte neue Energie im Sommerurlaub vor allem bei meiner Familie in Baden-Württemberg. Die tollen Kids, deren Tante ich sein darf, meine Freundin mit ihrem Restaurant an der französischen Grenze, die ich seit Schulzeiten kenne, die Ruhe auf dem Land bei  meinem Vater, Strasbourg, all das heilte meine innere Zerrissenheit, dazu Menschen, die mich auch dort von Bremen aus kontaktierten um mir bei der Lösung eingebildeter oder realer Probleme zu helfen, das rockte. Ich kam geistig gesund und gestärkt zurück. Und die Krise ist jetzt seitdem vorbei. Seitdem weiß ich mehr, wer ich bin, was ich will, was nicht und handele dementsprechend.

Krise heißt, alles, was wir kennen, ist plötzlich auf den Kopf gestellt. Wir werden nicht depressiv, aber wir strecken unsere Hand aus nach Zuspruch, Lösungen, Hilfe. Und ich feiere alle, die dabei behilflich sind.

Krise ist wirr, aber auch eine Chance.

Lasst uns gerade jetzt alle zusammenhelfen. Wir können das. Achtet alle, seid freundlich, tut, was Ihr könnt. Geht einkaufen für die älteren Leute im Haus, informiert, gebt Euren Teil im engen Kreis dazu, und es wird Wellen schlagen. Und bleibt bitte zu Hause.

Wellen der Menschlichkeit, Solidarität und Lösungen.

Wir können uns positiv neu ordnen, erfahren, wie machen wir weiter, wenn das alles vorbei ist.

Ändern wir unsere Perspektive, ändert sich unsere Welt. Unsere persönliche Haltung und Werte sind heute gefragter denn je. Helfen wir denen, die es brauchen, mit Gesprächen, Lösungen, Ideen. Dafür stehe ich auch zur Verfügung. Herzlich gerne.

Krisen gehen vorbei. Die Menschlichkeit bleibt.

 

 

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