Twitter -Reichweite leicht gemacht

Netzwerken in Zeiten von Social Media – Leidenschaft mit Effizienz

Netzwerken muss man wollen – dann klappt es. Vor allem, wenn man Kommunikation liebt. Als ich zu Twitter kam, wusste ich nicht viel davon. Ich kannte keine Menschen aus dem virtuellen Raum. Cyberwelten waren mir fremd – bei Facebook habe ich bis heute ein scheintotes Profil mit ganzen 50 „Freunden“, darunter vor allem alte Schulfreundinnen, deren Kinder ich mittlerweile virtuell von der Geburt in die Einschulung begleitet habe. Ohne meine Freunde in den USA, von denen ich dort das meiste mitbekomme, hätte ich es wohl längst gelöscht.

Warum ich eigentlich zu Twitter kam – 2015 im Sommer habe ich mir widerwillig einen Account angelegt, um mein Buch zu verticken. Eine Satire über meine Zeit in einer chinesischen Firma in Deutschland. Gibt es übrigens noch bei Amazon. Heute allerdings würde ich anders schreiben – damals passte es. Also nahm ich den chinesischen Drachen vom Titelbild, das ich dem wunderbaren Zeichner und Karikaturisten Arndt Zinkant aus Münster verdanke und nahm es als Profilfoto, mit meinem Buch-Alias Annette Creft. Heute muss ich Leuten z.T. erklären warum ich anders heiße. Muss mich ja niemand kennen, dachte ich damals. Ich suchte andere AutorInnen auf Twitter und folgte ihnen. Sie folgten zurück.

Nachdem ich euphorisch sämtliche Promis zugetextet hatte, die ich irgendwie mochte, beseelt von der „nahen Reichweite“, die das Netzwerk bot und diese natürlich nicht reagierten, besann ich mich auf das langweilige und doofe Posten der Amazon-URL. Aber so funktioniert Twitter nicht. Irgendwann folgten immer mehr Leute zurück, je mehr Sprüche, Weisheiten, Wortspiele, desto mehr wurden es. Ich favte Tweets, die mir gefielen, langsam kam der Spaß an der Sache. Mit lockeren Sprüchen, die mir als Wortmensch auf der Zunge liegen, stellte sich zum ersten Mal Erfolg ein. Ein Hashtag in den Trends war z.B. #FetteFußballer“. Mit „Mettwurst Özil“ schoss ich einen Vogel ab. Wie entspannend, ohne politische Haltung oder Häme, nur die Worte betrachtend, mit Spaß. Diese Tweets kamen an. Dabei war es mir darum gar nicht zu tun. Netzwerk – war noch weit entfernt.

Erster Aufbau und Schlüsselerlebnisse

Damals hatte ich so 200 Follower, durch regelmäßiges Twittern und Aufbau. Ich suchte mir immer meine Follower nach Gusto, nach Gefühl, rein intuitiv. Und hatte Spaß. Irgendwann schrieb ich, wie toll ich „The Labours of Hercules“ finde, auf Englisch, einer der besten Poirots überhaupt, und prompt antwortete mir Hastings. Ja, der echte, der Schauspieler Hugh Fraser. Ich rastete leicht aus auf meinem Sofa und konnte es kaum fassen. Irgendwann bekam ich auch Kontakt zu mehr Personen des öffentlichen Lebens, mir folgten Redakteure verschiedenster Medien. Ein Highlight war an meinem Geburtstag, im März. Da hatte ich mich wieder in die großen „Trends“ gewagt und schrieb, was ich von der Schweinefleischpflicht hielt: „Einem Land, das sich um Schweinefleischpflicht Gedanken macht, muss es sonst ja gut gehen“. Ich dachte mir nichts groß, denn 2016 gab es auch noch wenig „Hate-Speech“. Hass war es auch gewiss nicht, was mich antrieb. Ich beobachte halt immer, was sich so tut und bringe gern die Dinge auf den Punkt. Also das, was viele denken. Diesmal hatte ich wohl den Nagel auf den (Schweine-) Kopf getroffen und er landete am selben Abend noch in den Tagesthemen. Es erschien ein Screenshot meines Tweets auf dem ARD Monitor und die nette Moderatorin las ihn, mit zwei anderen, laut vor. Ich flippte aus. Ich war im Fernsehen. Hammer! Ohne mich chic machen zu müssen. Hätte ich nie gedacht, geschweige denn angepeilt.

 

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Das Netzwerk begann mit der gezielten Vernetzung meiner Person auch durch andere, die meine Tweets mochten. „Kennt Ihr Euch schon?“ „Äh ..nö…jetzt ja. Gerne.“ Plötzlich war ich inmitten von Coaches, Beratern und Anwälten. Dort wurden unsere Gedanken aufgenommen, Grüße und Tweets geteilt, und es gab viel gute Energie und Austausch. Es wurde nicht beleidigt, angeprangert, es wurde respektvoll und freundlich diskutiert.

Zufälle – oder das Ergebnis von Reichweite?

Ende 2017 aus meiner lieben Wohnung vertrieben durch Hottentotten, die meine 4 Wände in ein akkustisches Kriegsgebiet verwandelten, zog ich notgedrungen in eine kleine Unterkunft mit chronischer Kälte und wenig Platz. Die Suche nach einer Wohnung längst aufgegeben erreichte mich ein blöder reply als Reaktion auf einen halbwegs feministischen Tweet. Rein aus Gewohnheit klickte ich an, wer das wohl war und sah als erstes einen Retweet: „Nachmieter in Bremen-Nord gesucht“. Aha. Da nahm ich Kontakt auf, telefonierte und besichtigte am selben Tag. Heute wohne ich hier in dieser Wohnung. Passte sofort. Trotz Wohnungsnot hatte ich keinen Stress, meine neue Wohnung zu finden. Die blöde reply war sofort vergessen. Aber danke ! Habe heute eine schöne ruhige Wohnung am Wald. Auch das kann Twitter.

Netzwerk ist Wertschätzung

Man supportete die Tweets gegenseitig und ich erfuhr viel über #Leadership, #Coaching und die Menschen, die dies antrieb. Daraus ergaben sich spannende Telefonate und Live-Treffen. Es kribbelte mehr bei den Tweets, die ich absetzte, da ich wusste, es würden Reaktionen kommen. Mittlerweile hatte ich Analytics für mich entdeckt, wo ich live den Traffic verfolgen konnte und saß z.T. gebannt vor den rasenden Zahlen. Das Netzwerk entstand.

Der Hype

Der absolute Hype kam als ich begann, mich für das #BGE einzusetzen, das bedingungslose Grundeinkommen. Ich las darüber, war begeistert und startete eine #Umfrage. Die Promis, die mir mittlerweile folgten, bat ich nett und höflich per DM, die Umfrage zu teilen, und sie taten es tatsächlich. Die Impressionen rasten, die retweets flogen mir um die Ohren und ich saß gebannt vor Zahlen, die mich als Wortmensch oft sonst kalt lassen.

Aber Reichweite ist doch faszinierend. Wer ist für das BGE, wer nicht? Damals tobte das Thema in der Presse. Allein die Umfrage wurde mir aus der Hand gerissen- über 1500 Stimmen, über 200 Retweets. Sogleich bekam ich Anfragen für Parteimitgliedschaften seitens Grüner, Linker, Piraten, eben VertreterInnen des BGE. Ich widerstand leicht. Ich mag keine Parteibücher und kein Schubladendenken, Menschen meines mittlerweile tollen virtuellen Netzwerks rieten mir persönlich ab, irgendeiner Partei beizutreten, da ich immer sagen können möchte, was ich will, ohne von Vorsitzenden gerügt zu werden. Das passt auch für mich als Freigeist am besten. Mein Live-Vortrag zum Grundeinkommen bei der Bremer Gewerkschaft wurde auf Video aufgenommen, ich lud es hoch bei youtube, allein durch die Verbreitung bei Twitter bekam es über 1600 Views. Ich kam mir schon fast vor, als sei ich youtuberin. Das alles zeigt eins:

Reichweite ist leicht. Wenn man alle sozialen Kanäle nutzt und vernetzt.

Meine Blogbeiträge dazu wurden geteilt und ich brachte das BGE ein gutes Stück voran – Schlüssel war der Live-Vortrag, genutzt zur Verbreitung wurden die Kanäle der sozialen Medien, es rockte. Wann immer ich meinen Namen googelte, fand ich mich regelmäßig per Screenshots und Zitaten in (großen) Zeitungen, wenn ich zu Trends getwittert hatte, teils sogar im Fernsehen. Zu allen Themen, bunt gemischt. Weil ich oft aussprach, was viele denken. Ich begann, mich für Tools zum Followeraufbau und Monitoring zu interessieren, lernte deren Funktion.

Virtuell wird live

Irgendwann Ende 2017 wurde ich auf die Digital Media Women angesprochen, ein bundesweites Netzwerk, das in Bremen Anfang 2018 gerade ihr Quartier aufbauen wollte. Ein Telefonat mit einer engagierten Followerin: „Du bist doch  bei Twitter so erfolgreich – hast du nicht Lust, mitzumachen?“, brachte mich direkt live ins Orgateam, wo ich seit März 2018 die Meet-ups hier mit organisiere und den Twitter-Account führe. Mein Twitter-Vortrag kam mega gut an, den ich dort Anfang 2019 auf Wunsch hielt; meine Idee wäre es nicht gewesen. Aber ich strahlte, als ich so viele Fragen beantworten konnte und Selbständigen und Marketingleuten weiterhalf. Meine Leidenschaft ist nun mal die Beratung. Ob ich das ohne Twitter so erkannt hätte? Ohne die ganze Wertschätzung und Inspiration gegenseitig? Ich weiß nicht. Mit 14 K Followern wurde es für viele andere interessant, wie das denn geht. Ich habe, basierend auf meinen persönlichen Learnings für #DMWHB, die Digital Media Women, nun ein repräsentatives lebendiges virtuelles Netzwerk im Bremer Raum aufgebaut, was natürlich auch den Live-Meetups nützt.

Heute gebe ich in Webinaren mein Wissen weiter. Mit tollen Aha-Effekten beiderseits. Kontakte, die gegenseitiges Wissen, persönlichen Austausch und Möglichkeiten der Zusammenarbeit schaffen, sind das A und O eines Netzwerks. In problematischen Phasen habe ich menschliche und fachliche Unterstützung erster Güte erhalten und bin noch heute baff, wie das alles so weit kommen konnte. Ich war doch einfach nur ich selber. Aber vielleicht ist genau das der Schlüssel. PR heißt, die Stärken in den Vordergrund rücken. Nie hätte ich bundesweit so viele tolle Menschen kennengelernt ohne Twitter. Das soziale Netz ermöglicht eine Vernetzung, berufliche und persönliche Weiterentwicklung vom Feinsten auf effizienteste Weise. Wie es geht, lernt man durch viel Ausprobieren, Mut und Menschlichkeit. Solange man ehrlich ist zu sich und den anderen, klappt es mit dem Austausch.