Sind wir selbstlos? Von Givern und von Egoisten

Was macht einen Menschen wirklich selbstlos? Sind wir das? Sollten wir das sein?

Meiner Erfahrung nach gibt es im Wesentlichen drei Gruppen. Ich nenne sie die „Giver“, die „Fairen“ und die „Egoisten“- von denen ich wiederum zwei Sorten näher skizziere.

Wichtig dabei ist zu erkennen, dass wir alle mal in diese, mal in jene Rolle geraten. Es gibt, wie überall im Leben, nicht nur schwarz und weiß. Sich dies bewusst zu machen ist wichtig – mit dem Finger auf andere zeigen kann schließlich jeder.

Die „Giver“ – selbstlose Geber

Jene, die nur dein Bestes wollen– ihnen reicht die „gute Tat“, bzw. das Ergebnis davon. Dann partizipieren sie direkt oder indirekt an deinem Glück. Aber sie gehen dabei auch das Risiko ein, dass dieses niemals eintrifft, dass sich der Kontakt auflöst, du ihre Tat nicht würdigst oder nicht einmal beachtest.

Und dass ihr Einsatz dabei ganz umsonst war. Auch dann bereuen sie aber nicht, Dir geholfen zu haben. Es sei denn vielleicht, du kränkst sie in irgendeiner Weise. Aber jemandem ohne nach rechts und links zu schauen beizustehen, erfordert schon einiges an Kraft- so leicht kränkbar sind diese Menschen nicht. Sie planen die Enttäuschung bereits mit ein, das zeugt von Stärke. Aber sie sind auch nicht enttäuscht, nur weil kein Dank kommt.

Ich bin auch mitunter ein „Giver“: So rette ich z.B. einen Schmetterling. Oder helfe einem weinenden Kind im Baumarkt, den Papa wiederzufinden. Es macht Vorfreude, behutsam am Fenster ein Glas über den wild flatternden Schmetterling zu stülpen, der zur Straßenseite raus will wo keine Bäume sind, ihn zwei Stockwerke hoch in die Wohnung zu tragen und dann aus dem Glas zur Baumseite flattern zu lassen. Dafür gibt es nichts. Keine Lobeshymnen, nicht mal eine Amsel, die Applaus zwitschert.  Aber ich freue mir ein Bein ab, wenn er dann unversehrt ins Grüne fliegt. Weil ich mich dann gerade mit ihm identifiziere. Und gern mitfliegen würde. Oder ihm einfach gönne, wenn er froh ist.

Der Papa im Baumarkt bedankt sich zwar bei mir, wenn ich mit seinem Kind am Schalter warte wo er ausgerufen wird, aber das ist kein Lohn, der mir was bedeutet; das Kind, glückselig und beruhigt, das mich gar nicht mehr beachtet sobald es den heißersehnten Papa erblickt, das ist meine Belohnung. Weil ich ein Gefühl für das kleine, kurzzeitig verlorene Wesen entwickelt habe, wenn auch nur für einen Moment, und mein einziges Ziel war, das Kind in Sicherheit zu wissen. Das macht mich nicht zum guten Menschen, das würde jeder tun. Aber ich denke in dem Moment nicht an mich. Ich tue etwas mit Freude. Das genügt.

Die Fairen – wer gibt darf auch nehmen

Dann gibt es die, die an ihren eigenen Vorteil denken, aber deinen mit im Blick haben. Das sind, so denke ich, die meisten. Man unterstützt Menschen, die man mag, ohnehin automatisch. Sei es durch Zuhören, Bestärken, Mut machen, Ideen geben oder trösten. Das geschieht intuitiv. Wenn man weiß, der andere würde für einen dasselbe tun.

Dank kann direkt oder indirekt zum Ausdruck kommen. Der wohlwollende Kontakt zu jemandem reicht oft schon aus, um ein Gefühl der Harmonie hervorzurufen. Auf dieselbe Weise, wie der andere das möchte. Man unterstützt Partner wie auch Freunde und Kollegen.

Meist handelt es sich irgendwie um ein Geben und Nehmen. Gibt einer nichts -mehr- zurück, so hört der andere auch irgendwann damit auf.

Oft ist dies im Job der Fall: jeder kennt die nette Kollegin, für die man mal gern die Telefonate annimmt, wenn sie in Urlaub ist oder ein paar ihrer Mails beantwortet, wenn sie Liebeskummer hat oder einen Schnupfen. Das ist die Kollegin, die einem Tee bringt, wenn man nervös ist oder eine Stunde länger bleibt, wenn man einen Termin hat. Da stehen die guten Taten nicht sofort unter Beweis, wer wem jetzt gerade was wohl schuldet- man erlebt ein Gefühl der Sicherheit, zu wissen, bei kleineren Nöten wird eingesprungen.

Hat man jedoch einen Kollegen, der den ganzen Tag damit beschäftigt ist, vor der Arbeit wegzulaufen, sich buchstäblich aus dem Staub macht und jede Aufgabe in deine Richtung schiebt, ist dies natürlich das Ende jeder Loyalität deinerseits.

Dem einen stundenlang beim Liebeskummer zuhören, der einem dafür beim Umzug hilft – die einverständliche Loyalität im Alltag.

Gerade im Business ist ein faires Miteinander die vielbeschworene Prämisse, die auch am ehesten auf derselben Ebene klappt. Zwischen Chefetage oder zwischen Abteilungen auf Ebene der Chefetage herrschen oft ganz andere Töne als im Mittelfeld. Je weiter oben, desto geringer der Zusammenhalt, hat man das Gefühl, wenn man in die Organisationen hineinschaut. Geld spielt hier natürlich neben Macht die größte Rolle. Aber ich will mich hier nicht festbeißen – man könnte endlos darüber referieren. Für mich war es ein Beispiel.

Aber kommen wir nun zu der dritten, nicht so fairen Gruppe:

den „Egoisten“

Die nur ihr eigenes Wohl im Auge haben, unterteile ich wiederum in zwei Gruppen. Sie ärgern uns immer wieder mit ihrem unverhohlenen Egoismus: Die Bösewichte, die Ausnutzer, die Lügner, Schwindler und Trickser.

Irgendetwas wollen sie von dir- Geld, Bestätigung, Anerkennung, Sex, Beförderung im Job, was auch immer. Dazu müssen sie an dir vorbei oder wählen dich als Ziel.

Kennen wir, wenn wir ehrlich sind auch ab und zu von uns selbst.

Ist jemand ein schlechter Mensch, wenn er dem Kontrolleur in der Bahn extra freundlich-einnehmend zulächelt, und sich dann betont beiläufig an ihm vorbeidrückt, damit er das abgelaufene Ticket nicht so genau anschaut? Oder sich scheinbar interessiert im Zimmer der Kollegen rumdrückt, weil da eine Schachtel Pralinen steht?

Das Prinzip ist klar: der andere hat etwas, kann etwas oder tut etwas, das uns nützt. Wir tun -fast- alles, um es zu bekommen, weil wir in dem Moment nur an uns selber denken.

Viele von uns geraten hin und wieder in diese unschöne Rolle und meist sind wir nicht stolz darauf, schlafen aber trotzdem gut, wenn wir auch wieder in die Rolle des „Givers“ oder des „Fairen“ rücken.

Die zweite Sorte der „Egoisten“ jedoch ist weitaus schlimmer, sie hat mich zu diesem Artikel überhaupt erst inspiriert: die Energievampire, oder auch:die Spiegelresistenten.

Es sind Räuber, die sich für gute Menschen, auf jeden Fall aber für Opfer halten. Die dich passiv-aggressiv unter Druck setzen, chronisch getrieben von endlosem, vor allem aber grundlosen Selbstmitleid; die alle Viere von sich strecken, und die Welt anklagen, dass ihnen keine gebratenen Tauben in den seufzenden Mund fliegen.

Dies können wahlweise Frauen bzw. Männer sein, von denen sie sich chronisch abgelehnt fühlen oder Jobs, die alle anderen bekommen, nur bei ihnen klingelt niemand an der Tür und bietet den mundgerecht passenden. Oder keiner nimmt sie für voll oder erkennt ihre großartige Intelligenz. Oft ist es auch diffuser; das sind Menschen, die haben sich irgendein Bildnis von dir zurechtgezimmert. Und vor allem: von sich selbst.

Bei Energievampiren ist es wie bei den richtigen: sie sehen sich nicht im Spiegel.

Sie fügen anderen jammernd Schaden zu, indem sie sie belügen, betrügen, ausnehmen und benutzen. Und tun sich dabei von ganzem Herzen leid.

Sie geben zum Schein Aufmerksamkeit oder Gefälligkeiten, erwarten dann aber das zig-fache zurück.

Sie bezeichnen sich als Freunde, sitzen aber als Konsumenten bei dir im Wohnzimmer oder im Chat, lauern auf Informationen, auf Zuwendung, auf Bestätigung, ohne jemals konkret zu werden aus Angst vor einem „nein“, welches das im Grunde brüchige Ego erschüttern würde.

Gerade diese „Benutzer“, die auf emotionaler Ebene schaden, gibt es wie Sand am Meer. Sie sind mir um Welten unangenehmer als die eiskalt grinsenden Schurken; denn diese erkennt man mit etwas Empathie sofort, und sie amüsieren mich zum Teil auch.

Die bringen mich nicht aus der Fassung. Da kann ich dann auch mal zeigen, was ich an Kampfkünsten so drauf habe. Da wird mit scharfen Waffen gekämpft, aber da auf gleicher Augenhöhe, auch mit Respekt.

Jemanden, dem rosa Alpenröslein aus dem Mund wachsen, der dir mit seinen Tiraden und ewigem, stumm-drängendem „Etwas wollen“ aber Wichtiges stiehlt, nämlich Lebensenergie, zu bekämpfen, ist hingegen wie mit dem Buttermesser zähflüssigen Käse schneiden: Es raubt nur Kraft und man kommt nie ans Ziel.

Und genau das wollen Sie: zu deinem Ziel werden. Positiv wie negativ, völlig egal. Und haben sie es geschafft, dass du etwas von ihnen willst, oder etwas bei ihnen bewirken möchtest (Einsicht, Zuwendung, Kommunikation, was auch immer) haben sie ihr Ziel erreicht.

Sie haben nichts zu geben. Die glitzernde Schachtel ist leer. Aber nun willst du etwas  zurück – und damit haben sie gewonnen.

Das war alles, das ist ihr passiv-aggressives Spiel. An dieser Spezies ist nichts zu rütteln oder zu ändern – out of mind und out of sight ist der einzige Weg.

Eine abgeschwächte Form davon erleben wir täglich im Social Web – Leute die erwarten, dass du ihnen deine Tweets und Posts nicht nur erklärst, sondern rechtfertigst, und das stundenlang und dich möglichst intensiv mit ihnen herumzankst. Sie sind zerfressen von Neid, Langeweile, Frust, und du kommst ihnen mit deiner guten Laune, deiner Entschlossenheit und grundlegenden Zufriedenheit ohne es zu wissen, frech in den düsteren Weg gesprungen.

Inwiefern wir alle mal in diese Rolle schlüpfen? Wenn wir über Gott und die Welt jammern, und das auf hohem Niveau, oder jemandem emotional am Hosenbein hängen, weil wir gerade einen schlechten Tag haben und er/sie das wegzaubern soll. Nicht die feine Art.

Auch das passiert uns allen mal.

Wichtig ist hier wie überall der „Switch“ – Menschen, die in einer dieser Rolle festhängen, kosten sich oder andere Kraft. Die „Giver“ können im schlimmsten Falle Opfer der „Energievampire“ werden und in eine Co-Abhängigkeit geraten. Die Egoisten zerstören das seelische Gleichgewicht anderer.

Wenn man den fairen Weg als den Mittelweg betrachtet und alle anderen als Ausrutscher nach oben oder unten, lebt man sicher am gesündesten.

Hier gilt wie bei allem anderen auch: sich seine Verhaltensmuster bewusstmachen, sich und andere privat und im Beruf regelmäßig zu hinterfragen, schützt vor Ärger und Enttäuschung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.